Donnerstag, 18. August 2016

[...] Sie trägt ferner einen knappen Pantalon [...]

Eigentlich war für diese Woche ein anderer Beitrag vorgesehen, aber es fehlte noch ein Accessoire und während ich mich unterdessen zum Zeitvertreib mit einer Recherche beschäftigte, stieß ich unvermutet auf einen wirklich sonderbaren Fund.
Wie spanne ich also den Bogen, ohne selbigen zu überspannen?
Ich glaube, es war vor zwei Jahren, als der Gatte auf einem Trödelmarkt ein sehr zerlesenes Buch entdeckte und wortlos an mich weiterreichte:
Eine wirklich spannende Lektüre aus dem Jahr 1993, welche im Kapitel "Weibliche Kleiderexperimente zur Zeit der französischen Revolution" über Frauen in Hosen berichtete.
Dieses Kleidungsstück wurde den Frauen in kriegerischen Zeiten leidlich gestattet, aber gegen Ende des Jahres 1793 besann man sich, ein Verbot der sogenannte Frauenclubs, Einschüchterungen und Verhaftungen führten schließlich dazu, dass dieses männliche Kleidungsattribut aus den Schränken der Frauen - und der Erinnerung - verschwand.
Actually I've had planned a different blogpost this week, but an accessory was still missing and while I spend my time wisely with research, I suddenly faced a quite amazing find.
Where to begin this story without getting lost?
I remember it has been two years ago, when my husband and I were on a fleamarket and he passed me a well-thumbed book without a word:
Gundula Wolter: Hosen, weiblich - Kulturgeschichte der Frauenhose (Trousers, female - a cultural history of the female trousers)
An interesting read from 1993, which first chapter was about some women wearing pantalons during the French Revolution. This garment was fairly tolerated during the revolution, but by the end of 1793 minds were changing, so-called women's clubs were closed, public intimidations and imprisonments occured and eventually led to a dissappearance of this male fashion attitude from female closets - and the public memory.
Alexandrine Barreau, Grenadier, 1793 (Quelle/source: Images D'Art)

Neben einigen wenigen Darstellung während dieser Zeit in Frankreich, tauchten Hosen eher selten sichtbar an Frauenbeinen auf. Zumeist sind sie Mittelpunkt des Spottes wie in dem folgenden satirischen Blatt:
Next to the very few depictions during this time in France, we rarely see pantalons adoring female lages. Usually they are something to ridicule the female wearer, like in the following satirical print:

1816, S.W. Fores, My brother's breeches, No.1935, 0522.7.177 (Quelle/source: British Museum Online Collection)

Begeben wir uns ein paar Jahrzehnte zurück, stoßen wir auf eine Darstellung von Hosen als Reitkleidung. Auf dem lesenswerten Blog "Fashion is my Muse" erfahren wir mehr über Marie Anoinettes Beinkleider.
Beim Ausreiten waren diese unter dem Rock zwar erlaubt und verbreitet, genossen aber keinerlei guten Ruf. Verdeckt, versteckt, nicht für die Öffentlichkeit angedacht.
Hosen an Damen wurden scheinar allerorts mit einem Naserümpfen abgetan, umso erstaunlicher ist der folgende Fund in Joseph Georg Trasslers Allgemeinem Europäischen Journal (von dem ich bereits vor ein paar Wochen berichtet habe: hier entlang bitte).
Gleich in der ersten Ausgabe im Juli 1794 wählte der Herausgeber einen wagemutigen Modekupfer nach englischer Mode und hier handelt es sich nicht etwa um Satire.
Der Modekupfer No.I gelangte von Brünn aus in die Haushalte der Leserinnen. 
Wie man den Kupfer wohl aufgenommen hat?
Take a few decades back from there and we'll find a painting, which shows pantalons as a part of a riding habit. On the lovely blog "Fashion is my Muse" is an interestig article on Marie Anoinettes pantalons.
While riding these were sometimes worn covered by the actual skirt, but they never established any good reputation. Covered, hidden, not for the public eye.
Pantalons seemed to provoke just one expression: a sniff. Keeping that in mind, the following find in Joseph Georg Trasslers Allgemeinem Europäischen Journal (I've introduced him in a previous post: click here please) is even more surprising.
In his very first issue in July 1794 the publisher has chosen a bold fashion plate following the English Fashion and this time it's no satire.
The fashion plate No.I spread from Brünn into the households of the female readers.
How was this plate received?
1794, July, Kupfer No.I, Allgemeines Europäisches Journal, J.G. Trassler, Brünn (Quelle/source: New York Library via Hathi Trust Digital Library, digitalized by google)
Und natürlich gibt es auch einen ausführlichen Text dazu, wie es für die Modeneuigkeiten der Journale damals üblich war.
And certainly there was a detailed article about it, like it was common with the fashion journals back then.

794, July, Kupfer No.I, Allgemeines Europäisches Journal, J.G. Trassler, Brünn (Quelle/source: New York Library via Hathi Trust Digital Library, digitalized by google)
Transkription:
Modenneuigkeiten.
No.I Stellt eine englische Dame in Reithabit vor. Den Kopf ziert eine Art Helm von himmelblauem Atlas reich mit Gold gestickt; vorn sind in einer Art von Schild zwei lange weiße und eine schwarze Schwungfeder befestigt, die sich über den Helm nachlässig zurück schlagen. Der Helm selbst sitzt ganz leicht auf einer Frisur von kleinen Locken; über der Stirne theilt sich das Haar, und fällt seitwärts bis an die Augenbrauen zurück. Rückwärts ist das Haar ganz leicht zusammen geflochten, und wird nach Art eines Chignons unter dem Helme befestig. Der Hals ist unbedeckt; doch trägt man auch ein kleines stehendes Gekröse herabwärts bis an die Brust, das von Schleier oder Flor, ein - oder buntfärbig ist. Meine Dame trägt ein Reitkollet
(1) mit sehr kurzer Taille von himmlblauem Atlas, Taffent oder feinem Tuche mit rosafarbenen Rabatten, hochstehendem Kragen und Aufschlägen mit Goldgestickerei. Auf der rechten Schulter ein Erolett (2) von Gold, und auf der linken einen Dragon, der über die Brust geschlagen und in der linken Seite befestigt wird. Unter dem Kollet ein Gillet von buntgestreiftem Wallis (3) sehr breit über einander geschlagen mit einem Untergilet; um den Leib eine schwarzatlassene Binde.
Sie trägt ferner einen knappen Pantalon von palliefarbenem oder auch gestreiftem Zeug; einen Reitrock von weissem leichten Zeug, der sich aus einander schlägt. Halbstiefeln mit kleinen Sporen, die nur bis unter die Wade gehen, mit braunem, sehr schmalem ausgeschweiften Überschlage. Zwei Uhren mit Stahlketten, und in der rechten Hand eine Reitpeitsche.
Translation: 
Fashion news.
No.I Shows an English Lady in a riding habit. The head is adorned by a helmet-like hat made of cerulean blue satin, heavily embroidered with gold; at the front are two long white and one black ostrich feather formed over a shape of a visor, which are lifted to the back. The helmet itself sits on a hairdo with small curls, the hair is parted at the front and falls on the forehead above the eyebrows. To the back it’s slightly braided, and then attached in a chignon under the helmet. 
The neck is uncovered here, but it’s also common to wear a starched cravat, which reaches down to the bosom, and is made of veil fabric or gauze, plain monochrome or coloured. 
My lady wears a riding kollet (1) with a very short waist of cerulean satin, taffeta or fine wool with pink lapels, high collar and cuffs adorned with gold. On the right side is an erolett (2) of gold, on the left a dragoon, which crossed the front and is attached on the shoulder.
Under the kollet we see a gillet of coloured and striped wallis (3) with the lapels cut quite large, and worn over a second gillet; around the waist is a sash made of black satin.
She also wears tight pantaloons made of pallie-coloured or striped fabric; a riding skirt of lightweight white fabric, which opens in the front. Half boots with small spurs, which reach below the calf with a very small, brown, shaped top. Two watch fobs, and a whip in her right hand. 


Erklärung/explantion:
(1) das Kollet wird oft bei militärischer Kleidung verwendet, es handelt sich um eine kurz geschnitte Jacke, auch Spencer
(2) erolett = Epaulette
(3) Wallis ist ein Wollzeug aus englischen Manufakturen. Es wurde auch in Österreich und im Raum Chemnitz produziert, dort aber aus Baumwolle (Quelle: G.C. Bohns Waarenlager)
(1) the kollet is usually a military term for a short jacket or spencer
(2) erolett = epaulette
(3) wallis is a wool fabric from English manufacturers. It was also produced in Austria and Chemnitz, but there it was made of cotton (source: G.C. Bohns Waarenlager)

Die Beweggründe für die Wahl dieses Kupfers werden wir wohl nie erfahren. Hat der Herausgeber einen satirischen englischen Kupfer für eine Modeneuheit gehalten?
Wollte er einen skandalösen Auftakt?
War es tatsächlich Mode, die man in späteren Zeiten totschwieg?
Außerordentlich bleibt die Wahl allemal...und wer wäre nicht gern dabei gewesen, als die Leserinnen im Juli 1794 die Seite 160/161 aufgeschlagen haben?
The motivation for choosing this print will never be quite clear. Was the publisher fooled by an english satirical print, which he has mistaken as fashion plate?
Was he pursuing a scandalous first issue?
Was it really a fashion, which was later simply hushed up? 
Whatever the reason, it was an extraordinary choice...and who wouldn't have liked to see when the readers in July 1794 have leafed to page 160/161?


Mittwoch, 10. August 2016

Margarethe Tyrof(f)...ein Gesicht der Frühromantik

Meine Faszination für Portraits begann vor vielen Jahren mit Hans Memeling (1433 - 1494) und Hans Holbein dem Jüngeren (1497 - 1543), vor allem seine ausdrucksstarken Vorzeichnungen am Hof Heinrich des VIII begeisterten mich.
Wie erfüllend ist das Studieren der Gesichter, der fremden Moden und vertrauten Physiognomien. Wer verbarg sich hinter den Persönlichkeiten, die mit Farben auf Leinwände gebannt wurden.
Die Faszination hat mich nie wieder verlassen, noch immer kann ich mich stundenlang in Portraits und Biographien verlieren.
Heute sind es zumeist Portraits aus der Frühromantik...und davon existiert eine wunderbare und höchst erbauliche Fülle. (Mehr davon: Damen 1800)
Viele Gesichter sprühen vor Umtriebigkeit und spiegeln damit den Geist des Aufbruchs dieser Zeit wider - gerade was die Frauenportraits betrifft. Stolze Gesichter. Lebendige Gesichter. Tiefgründige Mienen. Heitere Mienen.
Nicht immer schön für unser modernes Sehen, aber sie stellen unvermittelt eine Verbindung in diese ferne Zeit her und plötzlich blickt man in Augen (längst geschlossen im wahren Leben), die erzählen...und erzählen...und vertraut werden.
So geschehen ist es mir mit dem folgenden Kupferstich des Künstlers Christoph Wilhelm Bock (1755 - 1835).
My fascination for portraits started years ago with Hans Memeling (1433 - 1494) and Hans Holbein the Younger (1497 - 1543), especially his remarkable sketches from the court of Henry VIII caught my enthusiasm.
How fulfilling is the study of faces, the odd fashions, and yet familiar physiognomies. Who was behind those colours painted on a blank canvas.
The fascination has never ceased, today I still can get lost for hours in portraits and biographies.
Nowadays it's almost always portraits of the Early Romanticism...and luckily there exists a most amazing and intriguing wealth of them. (More to marvel: Damen 1800)
Many faces spark engagement and reflect the spirit of awakening of this period - especially the female portraits. Proud faces. Lively faces. Profound expressions. Merry expressions.
Not always pretty in the modern sense, but they create a sudden connection into this bygone time and then we find ourselves gazing into eyes (long closed in real life), which tell stories...and tell...and become familiar and close.
This happened to me with the following copperprint by artist Christoph Wilhelm Bock (1755 - 1835)

Ch.W. Bock, 1799 Margarethe Tyrof(f) Blatt 62 (Quelle/source: Digitaler Portraitindex)
Margarethe Tyroff (auch: Tyrof) geboren am 13. März 1775, verstorben 1836.
Sie war Gattin des Kupferstechers, Heraldikers und Verlegers Konrad (auch: Conrad) Tyrof(f) aus Nürnberg (30. Januar 1771- 30. Mai 1826).
Margarthe Tyroff (also: Tyrof) born on March 13th 1775, died 1836.
She was wife to the copperprinter, heraldist and publisher Konrad (also: Conrad) Tyrof(f) from Nuremberg (30. Januar 1771- 30. Mai 1826).

Ch.W. Bock, Conrad Tyroff, fürstl. Gandersheimischer Hof Agent (Quelle/source: Digitaler Portraitindex)
Ein interessantes Paar, das man auf den beiden Kupfern lange anschauen mag. Viel ist über den fürstlichen Hofagenten nicht hinterlegt, außer seinem Werk (Wappenkunde), über seine schöne Gattin ist noch weniger zu finden. 24 Jahre ist sie auf dem oberen Portrait, hatten die beiden sich gerade erst vermählt als der Kupfer entstanden ist? Mochten Sie sich? Wie sah ihr Alltag aus?
Interessant ist, dass Ch.W. Bock noch einen weiteren Kupfer von Margarethe Tyroff schuf, zehn Jahre später, da zählte sie 34 Lenze und ging mit der neusten Mode.
An interesting couple, who are beautiful to look at on these prints. There's not much recorded in the internet on the princely court official, except his work (heraldry), there's even less to find about his beautiful wife. She's 24 years on the portrait above, was this copperprint made shortly after they got married? Were they fond of each other? What was their daily life like?
Interesting to notice is the fact, that Ch.W. Bock made a second copperplate of Margarethe Tyroff, ten years later, she was 34 years then and followed the latest fashion.
Ch.W. Bock, 1809, M. Tyroff (Quelle/source: Digitaler Portraitindex)
Wie ist ihr Leben in der Zwischenzeit verlaufen? Ach, könnte man sie fragen!
Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes (1826) findet sich in der Allgemeinen Zeitung München vom 13. April 1827 eine Notiz über eine Verlosung einiger Kunstgegenstände aus Tyroffschem Besitz und obwohl die Veräußerung der Lose nur schleppend ging, verzichtete Margarethe auf einen Rückzug, um die Käufer nicht zu schädigen. 
How has her life developed in those years? If only we could ask her!
The year after her husband's death (1826), a note was published in the Allgemeinen Zeitung München vom 13. April 1827
about an auction of art objects from the Tyroff's property and although the lots were unfortunately selling dissapointingly, Margarethe did not stop the auction in order to bring no financial trouble to the buyers.

Ihr Kupferstich in den Onlinearchiven hat mich ungeheuer fasziniert, umso überraschter und unglaublich glücklich war ich, als ich ein paar Tage später Post bekam.
Her copperprint on the internet archives has truly fascinated me, hence I was absolutely surprised and utterly happy, when I received mail a few days later.

Ich hoffe, Margarethe Tyroff hatte einen ebenso aufmerksamen Gatten wie ich.
I hope, Margarethe Tyroff's husband was as attentive as mine is.


Montag, 1. August 2016

Botanischer Spaziergang oder Aufmunterung zum Genusse der Naturfreuden

Die Frühromantik ist unlösbar mit der Sehnsucht zur Natur verbunden. Naturbetrachtung erfreute sich großer Beliebtheit und galt als erprobtes Mittel gegen "Stumpfheit der Seele, Unruhe im Gemüth, Trübsinn, Uebelbefinden und Schmerzen im Körper" (Münstereisches gemeinnützliches Wochenblatt, 09/1793)
Für heute ist also ein kleiner Spaziergang angedacht, zunächst auf den Wegen der Literatur und dann hoffentlich - angeregt durch das frühromantsiche Vorbild - als Ausflug hinaus in die sommerliche Natur.
Spaziergänge in der Natur, Herbarien, die Lehre der Botanik, Gärtnern und die Sammelleidenschaft der Blumist eroberten die Herren und zunehmend auch Damen in hohem Maße. Eine bezaubernde Einführung für interessierte Laien schuf Jean Jaques Rousseau (1712 - 1778), welcher in seinen botanischen Briefen "Lettres elementaires sur la Botanique" an seine Wahlverwandschaft Madeleine Delessert-Boy de la Tour (1747 - 1816) und deren Tochter ein wunderbares Zeugnis der Naturverbundheit hinterließ.
Die Einführung in die Botanik und die Pflanzenportraits gilt als nicht sehr unfangreich, obschon sie Rousseau heiterstes Werk bilden. 
The Early Romanticism is tightly connected with a yearning for nature. Nature walks were a fond pastime and meant to be a cure for "bleakness of soul, restlessness of mind, melancholy, nausea and pains" (Münstereisches gemeinnützliches Wochenblatt, 09/1793)
Today I'd like to invite you to a stroll, first on the path of literature and then - hopefully inspired by the examples - into the summerly outdoors.
Walks in nature, herbariums, the theory of botany, gardening and the collector's passion of florists won the interest of gentlemen and also ladies. A beautiful introduction for amateurs was written by  Jean Jaques Rousseau (1771 - 1778), who has left us a testament for the love of nature in his letters to Madeleine Delessert-Boy de la Tour (1747 - 1816) and her young daugther.
The introduction into botany and the botanical portraits are quite brief, but they are seen as Rousseau's most jovial piece.
1811, William Charles, The history and adventures of little Eliza (Quelle/source: American Antiquarian Society)
Die Briefe wurden erst nach seinem Tod im Jahr 1778 in Frankreich veröffentlicht und traten dann unaufhaltsam ihren Siegeszug an. In Deutschland wurde das Buch unter dem Titel "Botanik für Frauenzimmer" 1781 veröffentlicht. 1805 folgte eine Luxusausgabe mit Illustrationen von P.J. Redouté (1759 - 1840)
The letters were first published after his death in 1778 in France and then went viral throughout Germany (1781) and then England, where it was published as "Letters on the elements of botany"

Mein Kräutergarten mit Zitronenmelisse, Wermut, Schnittlauch, Dost und vielen Erdbeeren
My herb garden with lemon balm, wormwood, chives, oregano and lots of strawberries

Die herrlich geschriebenen Briefe sind auch heute noch ein großes Lesevergnügen und überaus lehrreich. Und weil es sich nirgendwo schöner liest als im sommerlichen Garten unter schattigen Bäumen gibt es die Briefe glücklicherweise auch (antiquarisch) in erschwinglicher, gedruckter Ausgabe mit Illustrationen von Redouté.
"Rousseau, Botanik für artige Frauenzimmer" (ISBN 3876272483)
The beautifully written letters are still a pleasure to read and very descriptive. And because there's no better place to read them as in the summerly garden in the shade of old trees, the letters are available in a printed version with illustrations by Redouté.
"Rousseau, Botany: A study of pure curiosity" (ISBN 0718118251)

Eine Hummel besucht die Weberkarde im Kräutergarten
A bumble bee pays a visit to the dipsacus fullonum sativus in my herb garden
Und nach erfüllender Lesestunde, zieht es auch die heutigen Leser mit Sicherheit hinaus in Wald und Flur.
Ein Genuss, der bereits im Jahre 1793 zu manch philosophischer Betrachtung führte, wie in den eingangs erwähnten Zeilen des münsterischen Wochenblatts, dem ich die heutige Überschrift verdanke.
Im September 1793 heißt es dort vollständig "Aufmunterung zum Genusse der Naturfreuden, und Beantwortung der Frage: Warum finden nur gute, rechtschaffene, und nicht auch schlechte Menschen Geschmack daran?" (Quelle: Münsterisches gemeinnützliches Wochenblatt, Westfälische Wilhelms-Universität Münster)
And after a good read, even today's reader will be magically drawn to take a walk in the woods and meadows.
A pleasure, which already lead to philosophical contemplations in the year 1793, like in the blogpost's caption, which I took from the Münsterisches Wochenblatt.
In September 1793 an interesting text started with the following headline "Encouragement to the pleasures of nature excursions, and the answer to the question: Why do only good and honest people, and none with mean temperament find pelasure in it?" (source: Münsterisches gemeinnützliches Wochenblatt, Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Montag, 25. Juli 2016

Was zierte die Braut, wenn 1795 die Hochzeitsglocken läuteten?

Die letzten Wochen in meiner eher unfreiwillgen Eremitage mit unserer kranken Katze, haben mir leider nur wenig Zeit und Muße zum Nähen beschert, dafür aber viel Kurzweil beim Lesen und Recherchieren.
Einige Fundstücke sind hoffentlich auch für den interessierten Leser von Bedeutungen, weshalb ich sie nicht vorenthalten möchte.
Wie so oft nahm eine Suche eine unerwartete Wendung und führte mich abseits der bekannten Journale zu der Publikation Allgemeines Europäisches Journal, welche monatlich in den Jahren 1794 bis 1798 erschien.
Der Herausgeber war Joseph Georg Trassler (1759 - 1816), der zu jener Zeit als Buchdrucker, Buchhändler und Verleger in Brünn tätig war.
Was die Kupfer betraf, bediente er sich gerne (wie damals durchaus üblich) bei anderen Journalen der Zeit, wobei seine Publikation vom Aufbau sehr viel Ähnlichkeit mit dem Leipziger Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode hat. Neben Neuigkeiten aus ganz Europa sind zwei Modekupfer und Stoffproben fester Bestandteil seiner monatlichen Schrift gewesen.
Wirklich wunderbar sind die Texte, die es zu den herrlichen Modekupfern gibt.
What would a bride wear upon the ringing of the wedding bells in 1795?
The past few weeks of my unintended hermiatge with our recuperating cat, left me with only little time and leisure for sewing, instead I thoroughly enjoyed reading and studying.
Some of my finds are probably also valuable for the interested reader, hence I'd like to share them.
Like many times before I was actually searching for something completely different, when I went down a road less travelled by the common journal finds to a publication named Allgemeines Europäisches Journal, which was publish monthly between 1794 to 1798.
The publisher was Joseph Georg Trassler (1759 - 1816), who worked as a printer, book-seller and publisher in Brünn.
Regarding the plates, he would often derive them from other journals (as it was common back then), while the composition of his journal has lots in common with the Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode in Leipzig. Beside from news all over Europe, he delievered two fashion plates and a fabric sample page.
The descriptions of these are truly an amazing read, beautifully expressed.

Ein besonderes Schmückstück ist sicherlich der Modekupfer samt Beschreibung einer Hochzeitsgarderobe vom Dezember 1795. Auf diese Weise hatte ich das zuvor in keiner anderen Quelle gelesen.
A true gem is the fashion plate and description of a wedding ensemble from December 1795. I've never read a detailed source about that before.
1795, Dezember, XII, Tafel I, Allgemeines Europäisches Journal, J.G. Trassler, Brünn (Quelle/source: New York Public Library via Hathi Trust Digital Library, digitalised by google)
Ein herrlicher Modekupfer von einer Dame und einem Herrn. Dank des Begleittextes erfahren wir,  hier handelt es sich um ein Hochzeitspaar - und es ist selbstredend nach der neusten Mode gekleidet.
A stunning fashion plate of a gentleman and a lady. The description reveals, we do look at a wedding couple - and it is certainly dressed in the latest fashion.

1795, Dezember, XII, Moden, Allgemeines Europäisches Journal, J.G. Trassler, Brünn (Quelle/source: New York Public Library via Hathi Trust Digital Library, digitalised by google)
Transkription:
No. I Am Tage der Hochzeit erscheint der Bräutigam bei seiner Braut, um sie zur Trauung zu führen. Beide sind in vollem Anzuge. Er trägt einen Frack von modefarbigem Tuche mit Knöpfen von Perlmutter, ein weißgesticktes seidenes Gillet, schwarzseidene Beinkleider, weiße Strümpfe und silberne Schnallen. Der ehemalige Zwang ist von der Mode auch hier entfernt. Die Braut ist in ungepuderter Frisur mit einem großen Kranz von Myrthen, Orangenblättern und Blüthen geschmückt. Das Kleid ist weißer Flor (auch Gaze, die dünnste aller Zeugarten, aus Seide, Baumwolle, Leinen oder Wolle (J.C. Bohn, Bohns Waarenlexikon)), unter demselben weißer Tafft. Die Turque ist mit kurzer Taille, wo die Nähte mit goldener Rundschnur und Quasten besetzt sind. Die Schleppe von demselben Flor zum Kleide gehörend, ist sehr lang, mit goldenen Schnüren und Quasten aufgebunden; der Rock mit einem gestickten Falbel (Saumrüsche) besetzt; die Schärpe von einem neuen ganz breiten Bande, a Guirlande singulaire, ist unter der Turque durchgenommen; die Garnierung des Kleides und Halstuches ist von breiten Blonden (besondere Spitze). Ein großes Bouquet und kleine Armschnallen vollenden den Anzug.
Translation:
No. I At the day of the wedding ceremony the groom arrives at the bride's home, to lead her to the wedding. Both are in Full Dress. He is waering a tailcoat (dresscoat, fraque) of fashionably coloured cloth with mother-of-pearl buttons, a monchrome white embroidered silk gilet, black silk breeches, white stockings and silver shoe buckles. The former restraint of fashion has also dissappeared here. The bride wears her hairdo unpowdered adorend with a wreath of myrtle, orange leafs and orange blossoms. The dress is white gauze, worn over white taffeta. The turque has a high waist, where the seams are embellished with golden ribbons and tassles. The train is also made of gauze, sewn to the bodice, it's very long, gathered and tied up with golden ribbons and tassles; the skirt is hemmed with an embroidered ruffle; the sash is made of a new wide ribbon, a Guirlande singulaire, and it's lead underneath the turque's bodice; the dress and the fichu are adorned with wide laces. A big bouquet and small arm rings complete the dress.

Der Begriff "Turque", der in dem Text verwendet wird, ist als Robe de Turque bereits im  18.Jahrhundert in Mode gewesen. Es handelt sich in der Zeit der Frühromantik um ein Kleidungsstück, das heute gemeinhin als "open gown" oder "open robe" zu finden ist. Ein - zumeist kurzärmeliges - Kleidunsstück aus Oberteil und angesetztem, offenem Rock, welches über dem eigentlichen Kleid getragen wird. Die vordere(n) Rockbahn(en) fehlt/fehlen (d.h es ist vorn offen und das Rockteil ist eher schleppenartig nur nach hinten ausgestellt). Das Oberteil wird zumeist durch einen Gürtel geschlossen oder unterhalb der Brust mit Nadeln zusammengesteckt.
Bemerkenswert ist der Hinweis auf die "kurze Taille", die sich zu jener Zeit allmählich durchsetzte.
The term "Turque", which is used in the description, has already popped up in the 18th century as Robe de Turque. During the period of Early Romanticism it's a garment that is often called "open gown" or "open robe". An - most often short sleeved - garment, made of an open bodice and an attached open skirt, worn on top of another dress. There's no skirt front piece (the front is open and the skirt's back falls like a train). The bodice is closed with a belt or pinned under the bust at the high waist. Remarkable is the mention of the high waist, which gradually starts to spread at that time.

Ich bin mir sicher, die modischen Hochzeitsgäste im Jahr 1795 zeigten sich begeistert!
I'm convinced the fashionable wedding guests would have approved this ensemble cheerfully!

Donnerstag, 21. Juli 2016

1796 Flor-Mantel (Omslagdoek/Sjall)

Manchmal hat das Leben andere Pläne als die, welche man sich mit eifriger Feder auf die schier endlos lange Nähliste geschrieben hat. 
Mila, die Muse am Nähtisch, mußte selbigen im Juni mit einem Kreuzbandriss räumen...und nicht nur das, mein komplettes Nähzimmer mußte ausgräumt und in ein Krankenzimmer verwandelt werden. Sechs lange Wochen Zimmerruhe wurden nach der Operation verordnet. 
Und was soll ich sagen, ohne Muse näht es sich sehr viel weniger beschwingt.
Sometimes life has different plans in mind than those you've written happily onto your oh-so-long sewing list.
Mila, my muse at the sewing table, literally fell of said table in June with a cruciate ligament rupture...which meant that I had to clear my sewing room and convert it into a sickroom.
Six endless weeks of little movement after her surgery.
And what should I say, sewing without your muse is simply not the same.
Endlich darf sie uns wieder Gesellschaft leisten. Auch die Haare an ihrem nackten Pudelbeinchen wachsen allmählich wieder.
Finally she's allowed to accompany me again. Her hair on her naked poodle leg is growing back nicely.

So viel zu meiner eher unfreiwilligen Blog - und Nähpause...aber ein bisschen genäht habe ich dann doch.
So much about my unintended blog - and sewing break...but I actually sewed a tiny bit.

1795, Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Blatt I (Quelle/source: Rijksmuseum)

Ein Kleidungsstück, das man oft auf Modekupfern oder Darstellung in der Zeit der Frühromantik sieht ist...ja, und da fehlte mir zunächst die korrekte Bezeichnung. Was genau ist das?!
Ein Schal, ein Umhang - sicherlich! Aber wie war die Bezeichnung damals?
Glücklicherweise erwies sich das Journal des Luxus und der Moden abermals als zuverlässige Quelle.
A garment, which is often seen in fashion plates and paintings of the era of early Romanticism...yes, but I lacked the propper term. What actually is it called?!
A shawl, a cape - surely! But what was it called back then?
Luckily the Journal des Luxus und der Moden was a great source once again.

1796, Januar, Journal des Luxus und der Moden, Tafel 3 (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Und wie immer gibt es einen aufschlussreichen Text zu dem Modekupfer.
And again we also have an illuminating text to go with the plate.

1796, Januar, Journal des Luxus und der Moden (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Transkription:
"...ferner einen Flor-Mantel mit breiten Blonden garnirt, mit doppeltem Zuge, und mit großen vorn herunter hängenden Enden."
Translation:
"...also a sheer mantel (cloak) with wide lace, double ties, and long ends hanging down the front."

Es gab allerdings auch noch eine eher winterliche Variante, die wie folgt beschrieben wird:
There was also a version for colder days, described as follows:
1798, Januar, Journal des Luxus und der Moden , Tafel 1 (Quelle/source: thulb Uni Jena)
1798, Januar, Journal des Luxus und der Moden (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Transkription:
"..., ein wattirter Mantel von schwarzem Taft, mit Spitzen besetzt, hinten mit rundem Kragen, und vorn mit kleinen Klappen..."
Translation:
"..., a padded mantel (cloak) of black taffeta, garnished with lace, with a circled collar in the back, small flaps in the front..."

Mir schwebte eine eher sommerliche Variante aus Batist oder Mousselin vor und so machte mich auf die Suche nach Originalen.
Augenscheinlich gab es zahlreiche Varianten (ein Blick in Heideloffs "Gallery of Fashion" lohnt sich ungemein!), manche wirkten in der Konstruktion wie ein einfacher Schal, andere wiederum eher wie ein Umhang. Schließlich wurde ich auf der Internetseite des Modemuseums Open Fashion fündig, wo eines dieser Exemplare detailliert fotografiert zu sehen ist. Beste Voraussetzungen, damit einen Schnitt aufzustellen.
I planned on a summerly variation made of muslin or batiste and started to search for originals.
Apparently there were plenty of versions (A peek into Heideloff's "Gallery of Fashion" is highly recommended!), some looked merely like shawls, others were made with a slightly different construction, resembling capes/cloaks. Eventually I found a lovely original on the website of Modemuseum Open fashion. It was introduced with many detailed photos, which allowed to take a pattern.

1790-1810, Sjall/Omslagdoek ID OBJ34177 T12/964/A137 (Quelle/source: MoMu Open Fashion)
Das abgebildete Exemplar ist aus weißem Batist gefertigt und hat zwei Züge, sowie eine Rüsche ringsum.
The shown example is made of white batist, it has two ribbon channels and a ruffle.

Von den Modekupfern des Journals des Luxus und der Moden beeinflusst, entschied ich mich für schwarzen Schweizer Batist - ein großzügiges und sehr willkommenes Geschenk von Alessandra
Inspired by the plates in the Journal des Luxus und der Moden I decided to use black Swiss batiste - a generous and most welcome gift from Alessandra.

Die Kragenpartie wie beim Original mit Rüsche und einem Zugband. Das andere Band reguliert den Sitz der hohen Taille.
The collar is made according to the original with a ruffle and ties running through the collar line. The other ribbon regulates the fit at the fashionable high waist.

Mit hochgestelltem Kragen
With dropped collar.

Für den Kragen benötigte ich ca 1,50 Meter Rüsche, umlaufend für den Mantel nochmals etwa 6 Meter. das Verhältnis Saum zur Rüsche entspricht etwa 1:2
(Ich bitte die Katzenhaare zu entschuldigen!)
Um die Streifen der Rüsche zu verbinden wählte ich einen Stich, der es erlaubt, die Enden in einem Schritt zusammenzunähen und zu versäubern.
I took approx. 1,50 Metres for the collar ruffle, and about six more metres for the other seams. The relation seam to ruffle was about 1:2
(Please excuse the cat hair!)
To connect the stripes of the ruffle I've chosen a stitch, which connects and overcasts the fraying ends in just one step.

 Die Kanten werden schmal nach links umgeschlagen, ehe die Streifen rechts auf rechts zusammengeheftet werden. Die Nadel geht unter der Umschlagkante durch den Stoff und durchsticht die gegenüberliegende Seite...
Fold the edges to the left (the smaller, the better), then attach both pieces facing right side to right side. The needle runs under the folded edge, piercing it at the top and also piercing the opposite side...

...ehe sie dort wieder unter die Umschlagkante geführt wird.
...before it runs again under the folded edge.

So sehen die Stiche von der Seite und von oben aus. Der Faden umschließt dabei immer die Kante und verhindert so ein Aufribbeln selbiger.
This is what the stitches look from the side and the top. The thread always catches the whole edge to prevent it from fraying.

Selbstverständlich sollte ein wenig Zug auf dem Faden liegen, damit die Naht nicht zu lose ist, dann sehen die Stiche wie im oberen Bild aus.
Of course the thread should be pulled a bit, so that the seam isn't gapping, the stitches then look like as shown in the upper photo.

Der geöffnete Saum von links vor dem Bügeln (links) und danach (rechts). Die Naht liegt dann sehr flach und kann nicht mehr ausfransen.
The opened seam from the left before ironing (left) and after ironing (right). The seam is quite flat and cannot fray.

Der Saum von der rechten Seite.
The seam from the right side.

Die Außenkante der Rüsche wurde ringsum mit einem Rollsaum versehen.
The edge of the ruffle was roll-hemmed.

Um einen Rollsaum herzustellen, wird die Kante zunächst zur linken Seite umgebügelt und das möglichst schmal.
To do a roll hem, iron the edge to the left side of the fabric, as small as possible.
Man beginnt den Saum von rechts, indem man unter die umgeschlagene Kante einsticht und den Faden dann über die Kante nach unten führt, wo man den Stoff (möglichst nur einen Faden) durchsticht. So entstehen kleine "V"s entlang der Kante.
You start on the right end, piercing underneath the folded edge through the top, then run the thread over the folded edge and catch the fabric (only one thread is best). This way you create tiny "V"s along the hem.
Dieser Prozess wird wiederholt bis eine Reihe von Stichen vorhanden ist, dann wird das rechte Ende festgesteckt oder festgehalten und man beginnt vorsichtig am Faden zu ziehen. Auf diese Weise klappt der Saum zu und es entsteht eine schmale Kante:
This porcess is repeated until a row of stitches is achieved, then the right edge is fastened with a pin or with your fingers, before you carefully start to pull the thread. This way the seam magically folds into a small edge:

Auf diese Art wird weiter fortgefahren.
Then continue the whole hem.

Die zusammengeklappte (gerollte) Kante von links...
The folded (rolled) edge from the left...

...und der rechten Seite.
...and the right side.

Und dann kommt irgendwann der Lohn für die Mühen.
And finally you'll get the reward for all the labour.

Die perfekte Garderobe für einen sommerlichen Ausflug in das Jahr 1796.
The perfect wardrobe for a summerly stroll into the year 1796.


Die Rückenpartie habe ich nach dem Originalschnitt gearbeitet, man kann aber auch, wie im Journal des Luxus und der Moden von 1798 erwähnt, einen leichten Bogen im Rücken einarbeiten.
I stitched the back of the collar according to the original pattern, but following the Journal des Luxus und der Moden from January 1798 you might as well add a more scalloped shape in the back.

Freitag, 27. Mai 2016

1797 Journal des Luxus und der Moden, Decoupierter Strohhut geziert mit Puffen und Bandschleifen von blauem Taft

Die Temperaturen klettern allmählich und nicht anders als im Jahre 1797 beginnt man zeitig im Mai mit dem Gedankenspiel um sommerliche Hutmode.
Einen kühlen Kopf bewahrt man stets mit Strohhüten und deshalb wähnte ich es an der Zeit einem etwas ausgedienten Strohhut (einem Überbleibsel aus den 1980er Jahren) einen neuen Stil zu suchen.
Der Hut war nicht aus einem vernähten Band gefertigt, sondern ein geflochtener Hut und hier und da hatten sich am Rand und der Krempe bereits kleine Brüche eingeschlichen.
Das Wort "decoupieret" kam in einem Modebericht vom Mai 1797 daher gerade recht. Leider war die Krempe nicht so üppig, dass ich ihn gänzlich dem Original anpassen konnte, aber der Zuschnitt sollte dem bis dahin verschmähten Hütlein eine neue Saison bescheren.
The temperatures are gradually rising and, not much different from the year 1797, thoughts on summer fashion should start early in May.
The best head wear on a sunny day might be a straw hat and that's why I've chosen a new style for a formerly disused hat (a relict of the 1980s).
The hat wasn't made of a sewn straw band, but it was entirely braided. Here and there on the edges and brim signs of wear and tear were obvious, because the straw was broken.
The word "decoupiert" (=cropped) in a fashion report from May 1797 came in handy. Unfortunately the brim on my hat wasn't that large, hence I wasn't able to do an exact copy, but the new cut should help the neglected hat to be fashionable again.

Mai 1797, Journal des Luxus und der Moden, Modenbericht, Tafel 15 (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Zu dem Kupfer gibt es selbstverständlich auch einen kurzen Begleittext.
There's certainly a short description to the fashion plate.

Mai 1797, Journal des Luxus und der Moden, Modenbericht (Quelle/source: thulb Uni Jena)
 Transkription:
Die vierte Dame (Tafel 15 Figur 2) trägt einen decoupierten gelben Strohhut mit blauem Taft gefüttert und eingefasst, und so geschnitten, daß zu beiden Seiten lange Zwickel oder Spitzen bleiben, welche dann mit Bande, das sie einfasset, unter dem Kinne zugebunden werden. Der Kopf des Hutes ist mit Puffen von blauem Taft und dergleichen Bandschleifen geziert. Unter diesen Morgenhüthen werden kleine Linon-Hauben getragen.
Translation:
The fourth lady (plate 15 figure 2) wears a cropped/cut straw hat, lined with blue taffeta and cut in a way that on both sides you'll have gussets, which are bound with bias tape and closed under the chin. The crown is adorned with blue taffeta puffs and ribbon ties of the same colour. This morning headwear is worn with linen caps.

 Ob die Hüte sich aus Bergères entwickelt haben oder sie hier und da sogar aus ausgedienten Bergères gearbeitet wurden, scheint wahrscheinlich, aber es fehlt ein Hinweis diesbezüglich im Text. Beim Zuschnitt meines Hutes kam es mir jedenfalls öfter in den Sinn, das möglicherweise einige Damen zur Schere gegriffen haben mochten, um aus einem alten Hut ein modisches Accessoire zu zaubern.
Whether the hats have developed from the bergères or some disused have been transformed, it seems plausible, yet the text gives no clues. While I've cut my hat into the new shape I thought several times, that this might be exactly the thing, that was also done more than two hundereds years ago.


Bei meinem Strohhut mußte ich im Nacken mehr Material wegschneiden, als vorn an der Krempe, was allerdings den üppigen Lockenfrisuren des Jahres 1797 zugute kommt.
Für den Hut benötigte ich ein Stück blauen Seidentaft, hierbei handelt es sich um alte Lagerware, die erfreulicherweise einen überaus passenden "altmodischen" Farbton hat, und ein hauchzartes Seidenband, ebenfalls aus altem Bestand.
Due to the damage in the straw and the smaller shape, I cropped the back more than the front brim, which in the end looked right for the super curly hair cuts of the year 1797.
I purchased some old stock silk taffeta in a most beautiful "old fashioned" colour and a blue delicate silk ribbon, also from old stock.

Entgegen des kritischen Blickes der Marotte, steht ihr der Hut wirklich ausgezeichnet.
Contrary to the rather critical face of the marotte, the hat suits her quite well.

 Hier wirkt die Bandschleife besonders vorteilshaft. Die Puffen wurden einfach aus Streifen zusammengenäht (die Seide liegt nur 70 Zentimter breit) und dann an beiden Enden gezäckt, ehe sie aufgereiht und vernäht wurde. Vor dem Reihen habe ich noch das zierliche Seidenband aufgelegt.
The back view shows the beauty of the ribbon ties. The "puffs" are strips cut from the fabric (the silk was only 70 centimetres wide), then pinked on both edges, before the strips are basted with running stitches and then sewn together around the crown. Before basting I added the delicate silk ribbon.


Wie beim Original wurde der Hut gefüttert, was seiner leicht fragilen Beschaffenheit zugute kommt.
Like in the original the hat is completely lined, which aids the fragile nature of the braided straw.

Ein tolles Zusammenspiel der Formen und Farben.
A lovely interaction of shapes and colours.

Der Sommer kann kommen!
Ready for summer!

Montag, 9. Mai 2016

"Erdbeeren schick ich Ihnen aus meinem Garten..."

Besagte Erdbeeren aus der Überschrift verließen am 02. Juli 1778 Goethes ummauerten Garten hinter seinem Haus am Weimarer Frauenplan mit einer kurzen Nachricht, um Charlotte von Stein mit fruchtiger Süße zu erfreuen.
Etwa ein Vierteljahrhundert später in Paris im Hitzemonat des Sommers 1802 (der nach dem Französischem Revolutionskalender den klingenden Namen Thermidor trug), hatten die Erdbeeren nichts von ihrer Gunst eingebüßt, im Gegenteil, die kleine rote Beere fand sich sogar in einem Modekupfer wieder: gefroren im Glas! Denn nicht nur die Erdbeere hatte die Gaumen der Damen und Herren erobert, sondern auch Gefrorenes.
"I send you strawberries from my garden..."
Said strawberries from today's headline left Goethes walled garden behind his house at the Weimarian Frauenplan on 2nd July 1778 with a short note, to delight Charlotte von Stein with their fruity sweetness.
About a quarter of a century later in Paris during the heat month of the summer of 1802 (which was called Thermidor after the French Revolutionary Calendar), the triumphal procession of the strawberries has been still carried on, the tiny red berry even entered a fashion journal: frozen in a glas! Not only the strawberry has tickled ladies' and gentlemen's fancy, but also frozen desserts.

1802, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien (404) (Quelle/source: bnf Gallica)
Was hält die Dame mit den rosigen Wangen denn in der Hand? Ein früher Coffee-to-go? Mitnichten! Im Thermidor verlangte man nach Abkühlung!
What is it that the lady with the rosy cheeks is holding in her hands? An early version of a coffee to go? Not at all! During Thermidor people were craving for chilling!

1802, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien (404) (Quelle/source: bnf Gallica)
Ein Erdbeersorbet, auch Erdbeer Scherbett genannt. 
Selbstverständlich ist es eine Mutmaßung, denn der dazugehörige Text im Journal des Dames et des Modes gibt uns keinerlei Anhaltspunkt und ich verlasse mich einfach auf den Umstand der Hitze des Julis und einer doppelten kulinarischen Mode, die im ausgehenden 18.Jahrhundert immer mehr an Beliebtheit gewonnen hat.
A strawberry sorbet.
Well, I have to admit that it is merely a guess, because the Journal de Dames et des Modes does not reveal anything about the glas, but I simply rely on the circumstances, the heat of July and the ever gaining popularity of strawberries and frozen desserts since the late 18th century.

1804, Der Deutsche Obstgärtner, Weimar, Industrie Comptoire (Quelle/source: googlebooks)
Im frühen 18.Jahrhundert waren in Deutschland lediglich die kleinen aber köstlichen Walderdbeeren (auch Monatserdbeeren) verbreitet, erst mit der Einführung der amerikanischen Scharlacherdbeere (fragaria virginiana) und der Fragaria Chiloensis oder chilenischen Erbeere und deren späterer Kreuzung (Fragaria Ananassa, auch als Gartenerdbeere bekannt), erzielte man größere Beeren und rasch fand die Erdbeere Verbreitung in den Gärten.
I the early 18th century only the small, but sweet Forest Strawberries (also called months strawberries) were known in Germany, once the american strawberries fragaria virginiana and fragaria chiloensis were introduced and fragaira ananassa was bred from these, the berries were bigger and the strawberries conquered the gardens.

1801, Der Teutsche Obstgärtner, Weimar, Industrie Comptoire (Quelle/source: googlebooks)
Sehr schön nachzulesen ist die beginnende Vielfalt (um 1820 gab es bereits 70 Erdbeersorten) im folgenden Text von 1805:
A lovely read about the growing popularity of new breeds (in 1820 there were already 70) gives the following text from 1805:

1805, Naturgeschichte mit Hinsicht auf Brauchbarkeit im gemeinen Leben (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Beerenfrüchte
1) Die Erdbeeren (Fragaria) davon bei uns die kleinen rothen, in America aber auch die verschiedenen Garten-Erdbeeren wild wachsen. Die gemeine Garten-Erdbeere hat größere Blätter, Blüten und Beeren; die Scharlach Erdbeere, hellrothe, eiförmige, zugespitzte Beeren, von weinsäuerlichem Geschmacke; die Ananas-Erdbeere ein wenig rothe aufrecht stehende Früchte von vortrefflichem Geschmack.
Translation:
Berries
1) Strawberries (Fragaria) here we have the small forest berries, in America different sorts of fragaria virginiana in the wild. The common garden-bred berry has bigger leafs, blossoms and fruits; the fragaria virginiana, light red, egg-shaped, pointy berries of slightly sweet sour taste; the fragaria ananassa a bit red and raised fruits of excellent taste.

Ich muß sicherlich nicht betonen, dass mir mein Gaumen bereits nach dieser anfänglichen Recherche signalisierte, unbedingt fortzufahren, was mich zunächst in den eigenen Garten trieb.
I do not need to emphazise, that my tastebuds already signalled to track further research on this, which led me directly into my garden.

Aber meine Gartenerdbeeren denken noch nicht daran ihre süßen Früchte anzusetzen, das wird sicherlich noch ein paar Tage dauern. Die älteste Sorte in meinem Garten ist Mieze Schindler (1925), die übrigens auch auf die fragaria ananassa zurückgeht.
But my garden strawberries are still a bit sleepy in their beds and it will take a few more days to bring on the blossoms and berries. The oldest breed in my garden is Mieze Schindler (1925), which was bred from fragaria ananassa.

Auch bei den Walderdbeeren im Schatten neben dem Haus herrscht noch Zurückhaltung.
Aber nachdem der Erdbeerappetit erstmal geweckt und die Tempraturen an diesem Wochenende plötzlich eifrig in die Höhe geklettert waren, hoffte ich auf eine kleine Gabe, wie sie Goethe eingangs an Charlotte von Stein geschickt hatte.
In der Zwischenzeit hatte ich auch ein Rezept für ein Sorbet entdeckt. Von Francois Le Goullon, dem Mundkoch aus Weimar. Ob er auch einmal Goethes Erdbeeren verarbeitet hat?
The forest strawberries growing in the shade of our house also act with reserve.
After the appetite for strawberries was sparked and the temperatures suddenly climbed high quickly this weekend, I hoped for a small gift like Goethe gave to Charoltte von Stein in the text at the beginning.
In the meantime I've found a recipe for a sorbet. Written by Francois Le Goullon in Weimar. Has he ever received strawberries from Goethe's garden, too?

1801, Francois Le Goullon, Der elegante Theetisch, 9.Auflage Weimar (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Drei Maas (1 Maas = 1 Kilo) rechte reife Erdbeeren werden gewaschen und auf ein Sieb geschüttet, damit sie wieder abtrocknen, alsdann durch ein Haarsieb gedrückt und der Saft von zwei Zitronen dazu getan. Man läutert drei viertel Pfund Zucker mit einem Nösel (1 Nösel = 500 ml) Wasser, thue, wenn solcher verkühlt, die Erbeeren hinein, passiert solche durch ein Haarsieb, und gießt, ehe man es friert, einen halb Nösel guten Muscatensekt oder Malagawein dazu.
Translation:
6 pounds of ripe strawberries are washed and put on a sieve to dry, then pressed through a very fine sieve with the juice of two lemons. three quarters of sugar are purified in 500 ml water and once it has cooled down the strawberries are pressed through a sieve again and added, before freezing 250 ml malagawine are added.

Soweit zum Rezept. Beim Lesen der Mengenangaben, dürfte dem ein oder anderen schon schwanen, dass man unter Umständen mit sehr viel Sorbet gesegnet ist.
Verfolgt man nicht die Absicht das Frascati um 1800 wieder zum Leben zu erwecken oder möchte man nicht enden wie der Herr im folgenden Text, tut man gut daran, die Menge zu reduzieren.
That's the recipe. Studying the quantities soon rings a bell, that whole lot of sorbet seems to be in the making.
If it's not your aim to re-open the Frascati around 1800 or have a sad ending like the poor guy in the following text, you better reduce the recipe.

1842, Oettinger, Onkel Zebra. Memoiren eines Epicuräers (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Ich erinnere mich dabei an den österreichischen Kammerherrn, Grafen von Frankenberg, Bruder des Erzbischofs von Mecheln, der, nach einem Wiener Zeitungsberichte vom 13.Juni 1790, einmal vierzehn Becher Gefrorens gegessen und gleich darauf das Zeitliche gesegnet hatte.
Translation:
I remember an austrian chamberlain, Count of Frankenberg, brother to the arch-bishop of Mechlen, who, according to a news paper from 13th June 1790, had fourteen cups of frozen sorbet and then all of a sudden died.

Für eine ausreichende Menge für 2 bis vier Personen für ein sonniges Wochenende reicht es, wenn man das Originalrezept viertelt:
750 gr Erdbeeren
1/2 Zitrone
90 gr Zucker
125 ml Wasser
60 ml Malagawein (Ja, richtig geschaut, aus Mangel an Malagawein im Haus, habe ich auf einen lieblichen Dessertwein zurückgegriffen!)
For two to four persons and a sunny weekend it's sufficient to quarter the quantities of the original recipe:
750 gr strawberries
1/2 lemon (juice)
90 gr sugar
125 ml water
60 ml Malaga wine (Yes, right! Instead of the Malaga wine I unfortunately had to go for a sweet dessert wine)

Die Zubereitung geht im Handumdrehen. Man setzt Zucker mit dem Wasser auf, lässt es abkochen und wieder abkühlen, während man die Beeren durch ein Sieb drückt (und hier werdet ihr froh sein, wenn ihr nicht drei Kilo genommen habt!)
Nach dem Hinzufügen aller Zutaten, kommt die Masse in den Eisschrank, wo sie stündlich umgerührt werden muß, sie sollte keinerlei Ähnlichkeit mit einem Eisberg bekommen, sondern soft ins Glas gleiten.
Über Eishäuser, Eiskeller und Eisbehälter um 1800 gibt es übrigens ausführliche Literatur, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen, einen wunderbaren Eindruck bekommt man hier: Georgian Ices.
The preparation is done in a flash (almost). Bring the sugar and water to boil and then let it cool down, while you press the berries through a sieve (now you'll be very thankful for having to deal with just a quarter of the original recipe!)
After adding all the ingredients, the sorbet goes into the fridge, where it should be turned and scratched every hour until it's soft (avoid that it becomes hard as an iceberg).
There's much more research on ice houses, sabotiers, ice molds in literature, you find a good summary here: Georgian Ices.

1780/1790 KPM Eisgefäss (Quelle/source: Classiqs - Fine Finds)
In einem solch schönen Gefäss kam das Sorbet oder auch Rahmgeforenes schließlich auf den Tisch.
In such a beautiful porcelain piece the sorbet or ice cream was served at the table.

1780/1790 KPM Eisgefäss (Quelle/source: Classiqs - Fine Finds)
Das Sorbet oder Rahmgefrorene kam in die Schale links, das Eisgefäß selbst und der Deckel wurden mit Eis zur Kühlung gefüllt.
The sorbet or ice cream was put in the bowl to the left, while the cell and the lid are filled with crushed ice for cooling.


Ein solches Eisgefäss besitze ich leider nicht, weshalb wir das Erdbeergefrorene rasch verzehren mußten, aber bei einem sonnigen Maitag (der den Tagen im Thermidor nicht unähnlich war), war das ein Leichtes!
Unfortunately I do not own such a beautiful ice bowl, hence we had to eat the strawberry sorbet quickly, but that wasn't a challenge on such a sunny May day (which truly resembled the days of Thermidor)!

Macht Appetit, oder?
The tastebuds are teased, aren't they?

Der nächste sonnige Tag kommt und bald gibt's auch Erdbeeren aus dem eigenen Garten.
Genießt den Frühling, liebe Leser :)
The next sunny day will come and soon the strawberries in the garden are ripe.
Enjoy the spring, dear readers :)